Am 25. August 2026 veröffentlichte die Wiener Online‑Zeitung derStandard einen Gastbeitrag mit dem Titel „Wir ‚Psychos‘: Über psychische Gesundheit bei den Helfenden“. Verfasst wurde der Text von Monika Spiegel, einer praktizierenden Psychotherapeutin und Psycho‑Wissenschaftlerin, gemeinsam mit Sarah Schröckenstein, die als wiederkehrende Autorin des Psycho‑Blogs von derStandard genannt wird. Die Autorinnen verbinden eine persönliche Erzählebene mit einer grenznahen Einordnung wissenschaftlicher Literatur und verweisen explizit auf Unterschiede zwischen Berufsgruppen, etwa Psychotherapeutinnen, Psychiatern und klinischen Psychologinnen.
Der Beitrag enthält eine erste‑Person‑Anekdote von Monika Spiegel, die verdeutlichen soll, wie alltägliche Belastungen und die Nähe zu Leid bei Helfenden wirken können. Die Publikation ist klar als Gastbeitrag gekennzeichnet; sie zielt weniger auf exklusive Forschungsergebnisse als auf die Sichtbarmachung eines Themas, das in Österreich und andernorts wiederholt auf die politische und organisatorische Agenda drängt: die psychische Gesundheit derjenigen, die andere behandeln.
- Der Gastbeitrag „Wir ‚Psychos‘: Über psychische Gesundheit bei den Helfenden“ erschien am 25. August 2026 auf derStandard.at.
- Autorinnen sind Monika Spiegel (praktizierende Psychotherapeutin) und Sarah Schröckenstein; der Beitrag kombiniert persönliche Anekdote mit Literaturverweisen.
- Eine 2023 in Scientific Reports (Nature) publizierte Studie verglich klinische Psychologen mit einer repräsentativen österreichischen Stichprobe und fand geringere adjustierte Odds für Depression, Angst und Stress bei klinischen Psychologen.
- Epidemiologische Orientierungswerte im Text nennen, dass jährlich rund ein Viertel der Bevölkerung von einer psychischen Störung betroffen sein kann.
Was die Autorinnen anführen: Rollen, Belastung und Anspruch
Die Autorinnen betonen, dass die Bezeichnungen und Aufgaben von Psychotherapeutinnen, Psychiatern und Psychologinnen nicht austauschbar sind: Ausbildung, rechtliche Rahmenbedingungen, Berufsalltag und Verantwortungsprofile unterscheiden sich. Dieser Differenzierungsbedarf hat Folgen für Belastung, für die Erwartung, wer welche Fälle übernimmt, und für die Zugänge zu Unterstützung und Behandlung, wenn Helfende selbst betroffen sind.
Zentraler Punkt des Artikels ist die These, dass Fachleute im Bereich psychischer Gesundheit zwar über Wissen und Methoden verfügen, zugleich aber nicht automatisch gegen Belastungen gefeit sind. Die Autorinnen verweisen darauf, dass Helfende aufgrund der ständigen Auseinandersetzung mit Leid, hoher Fallzahlen oder organisatorischem Druck besonders gefährdet sein können, Burn‑out zu entwickeln oder selbst psychotherapeutische Hilfe zu benötigen. Gleichzeitig bestehe in Berufsgruppen eine erhöhte Hemmschwelle, eigene Schwächen offen anzusprechen – aus Sorge vor Stigmatisierung, beruflichen Nachteilen oder wegen Datenschutzfragen innerhalb kleiner Fachkreise.
Wissenschaftliche Befunde, die im Beitrag genannt werden
Als empirische Grundlage nennt der Text unter anderem eine Studie, die während der Covid‑19‑Pandemie Vergleiche zwischen klinischen Psychologen und repräsentativen Stichproben der österreichischen Bevölkerung anstellte. Diese in Scientific Reports (Nature) publizierte Untersuchung aus dem Jahr 2023 fand demnach niedrigere adjustierte Odds‑Ratios für Depressions‑, Angst‑ und Stresssymptomatik bei klinischen Psychologinnen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Die Studie ist real und wird in der Fachwelt als eine von mehreren Befunden verstanden, die auf mögliche protektive Faktoren bei Fachkräften hinweisen – etwa berufliche Ausbildung, Zugang zu Coping‑Strategien oder Selektionseffekte.
Der Beitrag führt zudem epidemiologische Größenordnungen an: Als grobe Orientierung wird auf Prävalenzraten verwiesen, nach denen in einem Jahr ungefähr ein Viertel der Bevölkerung von einer psychischen Störung betroffen sein kann. Diese Zahl entspricht etablierten Ergebnissen aus WHO‑ und europäischen Studien, ist jedoch keine Aussage darüber, wie sich Fälle auf einzelne Berufsgruppen verteilen.
Praktische Konsequenzen für das Gesundheitswesen und die Aus‑ und Fortbildung
Aus Sicht der Autorinnen folgt daraus, dass strukturelle Antworten nötig sind: Es ginge nicht nur um individuelle Resilienzförderung, sondern um organisatorische Rahmenbedingungen wie ausreichende Supervision, vertrauliche Zugänge zu Therapie für Fachkräfte, Schutz vor Überlastung und geregelte Auszeiten. Die Forderung, psychische Gesundheit von Helfenden als Teil der Versorgungsqualität zu begreifen, ist nicht neu, erhält aber im Lichte des Beitrags erneuten Nachdruck.
Für Ausbildungsinstitutionen und Berufsverbände stellt sich die Frage, wie Sorgfaltspflichten und Präventionsangebote ausgestaltet werden. Sollten verpflichtende Supervisionen ausgeweitet, Anlaufstellen für Fachpersonal anonymisiert und Aufklärungsangebote zur eigenen Hilfesuche verbessert werden? Solche Maßnahmen werden in der öffentlichen Debatte bereits diskutiert, konkrete politische oder finanzielle Zusagen nennt der Gastbeitrag nicht – er setzt eher einen Impuls zur weiteren Auseinandersetzung.
Was gesichert ist – und was offen bleibt
Gesichert ist, dass die veröffentlichte Studie aus 2023 existiert und Ergebnisse präsentierte, die klinische Psychologen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in bestimmten Symptombereichen günstiger darstellen. Gesichert ist auch die Tatsache der Publikation des Gastbeitrags auf derStandard mit Angabe von Datum und Autorinnen. Ebenso lässt sich epidemiologisch belegen, dass psychische Störungen in der Bevölkerung eine erhebliche Verbreitung haben.
Offen bleiben hingegen mehrere wichtige Fragen: Wie repräsentativ sind die in der Studie untersuchten Berufsgruppen für alle Helfenden im System? Welche Langzeitfolgen haben wiederholte Belastungsphasen, und wie wirksam sind institutionelle Interventionsmodelle unter realen Arbeitsbedingungen? Außerdem gibt es Unsicherheiten darüber, ob Selbstauswahl‑Effekte (wer den Beruf wählt) die Befunde verfälschen – etwa dass Personen mit höherer psychischer Widerstandskraft tendenziell eher in diesen Berufen verbleiben.
Der Gastbeitrag liefert weniger neue Forschungsergebnisse als eine pointierte Bestandsaufnahme und einen Appell: Helfende brauchen Zugänge zu Hilfe, die genauso gut geschützt und niedrigschwellig sind wie die Angebote, die sie ihren Klientinnen und Klienten machen. Diskutiert werden muss nun, wie Politik, Institutionen und Berufsstände darauf reagieren – durch Finanzierung, Regelwerke und kulturelle Veränderungen innerhalb der Berufsgruppen.
IO SYNTHESE
ARTIKELANALYSE AUS DREI QUELLEN
Der Gastbeitrag „Wir ‚Psychos‘: Über psychische Gesundheit bei den Helfenden“ erschien am 25. August 2026 auf derStandard.at.
OPEN EVIDENCE ↗Autorinnen sind Monika Spiegel (praktizierende Psychotherapeutin) und Sarah Schröckenstein; der Beitrag kombiniert persönliche Anekdote mit Literaturverweisen.
OPEN EVIDENCE ↗Eine 2023 in Scientific Reports (Nature) publizierte Studie verglich klinische Psychologen mit einer repräsentativen österreichischen Stichprobe und fand geringere adjustierte Odds für Depression, Angst und Stress bei klinischen Psychologen.
OPEN EVIDENCE ↗✓ QUELLEN UND DOKUMENTE
01 derstandard.at ↗02 derstandard.de ↗03 derstandard.at ↗Quellen zuletzt geprüft · 26.08.2026, 20:02Dieser Beitrag wurde von der ZEITUNG.IO Redaktion erstellt und geprüft. Bei neuen gesicherten Informationen wird er aktualisiert.