Wissenschaftliche Erkenntnisse sind selten absolut; sie kommen mit Wahrscheinlichkeiten, Konfidenzintervallen, Vorbehalten und offenen Fragen. In der öffentlichen Debatte wird dieses Merkmal jedoch häufig als Schwäche missverstanden. Pressemitteilungen und populäre Darstellungen neigen deshalb zu Vereinfachungen oder zum Ausblenden von Unsicherheit – mit dem Ziel, Klarheit und Autorität zu vermitteln.
Die Digitalisierung hat diese Dynamik verstärkt: Forschungsergebnisse verbreiten sich schneller und direkter, zugleich wachsen die Möglichkeiten für selektive Darstellung, Framing und politische Instrumentalisierung. In Online‑Redaktionen, Social‑Media‑Teams von Universitäten und bei Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten steht daher die Frage auf der Agenda, ob und wie Unsicherheit offen angesprochen werden sollte, ohne Leserinnen und Leser zu verunsichern oder Verschwörungsnarrative zu befeuern.
- Studie: Schuster, C. & Scheu, A. M., „How Communication of Scientific Uncertainty Affects Trust in Science — A Systematic Review.“ Risk Analysis, Vol. 46, Issue 5, online 21. April 2026; DOI 10.1111/risa.70233.
- Evidenzbasis: Die Übersichtsarbeit synthetisiert n = 24 internationale, peer‑reviewte empirische Studien.
- Kernaussage: Transparente Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit stärkt in der Mehrzahl der Fälle Vertrauen, zeigt aber kontextabhängige Risiken (z. B. persönliche Betroffenheit, politische Instrumentalisierung).
- Autoren/Affiliations: Christian Schuster (Berlin‑Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) und Andreas M. Scheu (Österreichische Akademie der Wissenschaften).
- Pressestellen: ÖAW veröffentlichte eine Meldung am 24. August 2026; ORF berichtete am selben Tag.
Was die neue Übersichtsarbeit leistet
Christian Schuster (Berlin‑Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) und Andreas M. Scheu (Österreichische Akademie der Wissenschaften) haben in der Peer‑reviewten Fachzeitschrift Risk Analysis eine systematische Übersichtsarbeit vorgelegt, die 24 empirische Studien zur Wirkung der Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit zusammenführt. Der Artikel erschien online am 21. April 2026 (DOI 10.1111/risa.70233).
Die Autorinnen und Autoren beschreiben ihren Beitrag als systematische Synthese: Ziel war es, die vorhandene Evidenz zu sammeln, zu vergleichen und zentrale Muster zu identifizieren – nicht primär, eine einzige zusammengefasste Effektgröße zu produzieren. Das Papier nennt die untersuchten Studien als Kernbeleg (n = 24) und differenziert Befunde je nach Kommunikationsformat, Thema und Publikum, soweit die Primärstudien das erlauben.
Kernaussagen: Mehr Offenheit, meist mehr Vertrauen
Die wichtigste Erkenntnis der Übersichtsarbeit lautet: In der Mehrzahl der untersuchten Fälle fördert das transparente Ansprechen wissenschaftlicher Unsicherheit das Vertrauen in die Forschung. Schuster und Scheu fassen zusammen, dass – anders als oft befürchtet – ehrliche Darstellung von Grenzen und Unsicherheiten die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft erhöhen kann, weil sie Kompetenz und Redlichkeit signalisiert.
Die Autorinnen und Autoren betonen zugleich Nuancen: Nicht jede Form der Unsicherheitskommunikation wirkt gleich. Explizite numerische Angaben, Erklärungen zu Ursachen von Unsicherheit und die Einordnung der praktischen Relevanz erwiesen sich in mehreren Studien als hilfreicher als vage Formulierungen. Andererseits können unsystematische oder inkonsistente Hinweise auf Unsicherheit Verständlichkeit und Handlungsfähigkeit beeinträchtigen.
Risiken und Kontexte, in denen Unsicherheit schadet
Die Übersichtsarbeit macht klar, dass transparentes Informieren nicht automatisch positiv wirkt. In bestimmten Kontexten kann die Betonung von Unsicherheit Zweifel schüren: Wenn sich Menschen persönlich betroffen fühlen, wenn mediale oder politische Akteure Unsicherheit instrumentalisieren, oder wenn das Publikum über geringe naturwissenschaftliche oder statistische Kompetenz verfügt, steigt das Risiko von Missverständnissen.
Ein weiteres Problemfeld ist die Begeisterung für einfache Narrative in Sozialen Medien: Dort lassen sich Unsicherheitsinformationen selektiv verstärken, sodass Experten‑Debatten als „Nichtwissen“ oder gar als Zeichen von Betrug präsentiert werden. Schuster und Scheu verweisen auf Fälle, in denen Interessengruppen Unsicherheitskommunikation nutzten, um Vertrauen in bestimmte Forschungsergebnisse zu untergraben.
Folgen für digitale Wissenschaftskommunikation
Für Redaktionen, Pressestellen und Wissenschaftsinstitutionen bedeutet die Studie, dass strategische Transparenz nötig ist. Statt Unsicherheit zu verschweigen, sollten Kommunikatorinnen und Kommunikatoren sie kontextualisieren: Warum existiert eine Unsicherheit? Welche praktischen Entscheidungen bleiben davon unberührt, welche können sich ändern? Solche Erklärungen erfordern Platz in Texten, grafische Visualisierungen und in digitalen Formaten oft auch interaktive Elemente, etwa erklärende Visualisierungen oder kurze Video‑FAQs.
Plattformverantwortliche und Social‑Media‑Teams stehen vor der Herausforderung, Komplexität auf zugängliche Weise zu vermitteln. Algorithmen belohnen einfache, polarisierende Inhalte; deshalb empfehlen die Autorinnen und Autoren – und auch die ÖAW‑Pressemitteilung vom 24. August 2026 – zusätzliche Investitionen in Mediendidaktik und in Formate, die Nuancen transportieren, ohne Leserinnen und Leser zu überfordern.
Offene Fragen und nächste Schritte
Trotz klarer Muster bleibt vieles ungeklärt. Die Übersichtsarbeit basiert auf 24 Studien, deren geographische und thematische Streuung unterschiedlich ist; die Generalisierbarkeit über Regionen, Kulturen und Themenbereiche (etwa Gesundheit vs. Klima vs. KI) ist nicht gleichmäßig belegt. Ob sich die positiven Effekte in politisch polarisierten Umfeldern halten, muss näher untersucht werden.
Forschungslücken betreffen außerdem methodische Details: Welche Formate (numerisch vs. verbal vs. grafisch) sind unter welchen Voraussetzungen am effektivsten? Welche Rolle spielen Medienkompetenz und Trust‑Baseline des Publikums? Praktisch relevante Folgefragen für die digitale Kommunikation lauten: Wie viel Präzision ist nötig, um Vertrauen zu stärken, ohne Verständnis zu gefährden, und wie kann man die missbräuchliche Instrumentalisierung von Unsicherheit verhindern?
Die Autoren nennen Förderhinweise und mögliche Interessenkonflikte im Artikel; die Finanzierung durch das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (Grant No. 0150870A) ist in den Metadaten verzeichnet. Für Redaktionen empfiehlt sich die Lektüre der Volltextfassung, um die Einschlusskriterien der 24 Studien nachzuvollziehen, und gegebenenfalls eine direkte Nachfrage bei den Autorinnen und Autoren.
IO SYNTHESE
ARTIKELANALYSE AUS DREI QUELLEN
Studie: Schuster, C. & Scheu, A. M., „How Communication of Scientific Uncertainty Affects Trust in Science — A Systematic Review.“ Risk Analysis, Vol. 46, Issue 5, online 21. April 2026; DOI 10.1111/risa.70233.
OPEN EVIDENCE ↗Evidenzbasis: Die Übersichtsarbeit synthetisiert n = 24 internationale, peer‑reviewte empirische Studien.
OPEN EVIDENCE ↗Kernaussage: Transparente Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit stärkt in der Mehrzahl der Fälle Vertrauen, zeigt aber kontextabhängige Risiken (z. B. persönliche Betroffenheit, politische Instrumentalisierung).
OPEN EVIDENCE ↗✓ QUELLEN UND DOKUMENTE
01 science.orf.at ↗02 oeaw.ac.at ↗03 link.springer.com ↗Quellen zuletzt geprüft · 27.08.2026, 02:22Dieser Beitrag wurde von der ZEITUNG.IO Redaktion erstellt und geprüft. Bei neuen gesicherten Informationen wird er aktualisiert.