Travail.Suisse verlangt für 2027 generelle Lohnerhöhungen von zwei Prozent. Die Forderung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Reallöhne zuletzt wieder gestiegen sind. Nach SRF-Angaben legten sie im vergangenen Jahr real um 1,6 Prozent zu.
Für die Gewerkschaften ist das kein Argument für Zurückhaltung. Sie verweisen auf eine lange Phase stagnierender Kaufkraft, gestiegene Krankenkassenprämien und höhere Produktivität in den Unternehmen. Beschäftigte sollten wieder stärker an den Erträgen beteiligt werden, lautet die Kernbotschaft.
Im Gesundheitswesen liegen die Forderungen noch höher
Besonders konfliktträchtig ist das Gesundheitswesen. Die Gewerkschaft Syna fordert dort fünf bis sechs Prozent mehr Lohn. Im Kanton Jura wurde eine Initiative eingereicht, die mehr Stellen in der Pflege und vier Prozent höhere Löhne vorsieht.
Damit wird der Lohnherbst mit der Personalpolitik verknüpft. Kliniken und Pflegeeinrichtungen stehen unter Kostendruck, gleichzeitig verschärft Personalmangel die Belastung. Höhere Löhne sollen Beschäftigte halten – erhöhen aber kurzfristig die Ausgaben in einem ohnehin teuren System.
Arbeitgeber rechnen mit etwa einem Prozent
Der Schweizerische Arbeitgeberverband weist die Darstellung zurück, Unternehmen gäben Produktivitätsgewinne zu wenig weiter. Für 2027 rechnet der Verband im Durchschnitt mit nominalen Lohnerhöhungen von etwa einem Prozent.
Auch methodisch gibt es einen Konflikt. Arbeitgeber bevorzugen stärkere individuelle Differenzierung nach Leistung und wirtschaftlicher Lage des Betriebs. Gewerkschaften verlangen generelle Erhöhungen, damit auch Beschäftigte mit geringer Verhandlungsmacht profitieren.
Die KOF liegt zwischen den Lagern
Eine Unternehmensbefragung der KOF an der ETH Zürich kommt auf eine erwartete nominale Lohnsteigerung von rund 1,2 Prozent für 2027. Bei einer von der KOF angenommenen Inflation von 0,5 Prozent ergäbe das real ein Plus von etwa 0,7 Prozent.
Die befragten Betriebe selbst erwarten allerdings eine höhere Teuerung von 1,1 Prozent. Sollte diese Einschätzung eintreffen, wäre von einem nominalen Plus von 1,2 Prozent real fast nichts übrig. Genau deshalb wird die Inflationsannahme zu einem wichtigen Teil der Lohnverhandlungen.
Es geht um Kaufkraft – und um Macht in den Betrieben
Der Lohnherbst ist keine rein makroökonomische Rechenübung. Er entscheidet darüber, wie Produktivitätsfortschritte zwischen Kapital und Arbeit verteilt werden und wie stark Branchen mit Fachkräftemangel reagieren.
Die Spannweite zwischen zwei Prozent Forderung, einem Prozent Arbeitgebererwartung und höheren Branchenforderungen zeigt, dass es am Ende keine einheitliche Schweizer Zahl geben wird. Die entscheidenden Verhandlungen finden in Branchen und Unternehmen statt – und dort wird sich zeigen, wie viel vom wirtschaftlichen Fortschritt tatsächlich auf den Lohnabrechnungen landet.
Warum der Durchschnitt täuscht
Eine nationale Durchschnittszahl kann sehr unterschiedliche Realitäten verdecken. Ein exportorientierter Industriebetrieb mit schwacher Nachfrage hat weniger Spielraum als ein Unternehmen in einer wachsenden Dienstleistungsbranche. Gleichzeitig können Beschäftigte in Branchen mit Personalmangel eine stärkere Verhandlungsposition haben. Deshalb werden die kommenden Abschlüsse stärker auseinanderlaufen als die Schlagzeile „zwei Prozent“ vermuten lässt.
Für Haushalte zählt am Ende ohnehin der Reallohn nach Steuern, Prämien und Lebenshaltungskosten. Selbst ein nominales Plus kann sich klein anfühlen, wenn Krankenkassenprämien oder Mieten schneller steigen. Genau deshalb argumentieren Gewerkschaften zunehmend mit der gesamten Haushaltsbelastung und nicht nur mit dem offiziellen Verbraucherpreisindex.
Der Herbst entscheidet
Die eigentlichen Lohnabschlüsse entstehen erst in den kommenden Monaten. Bis dahin werden Inflationsdaten, Auftragslage und Branchenprognosen die Positionen beider Seiten verändern. Für Beschäftigte ist deshalb weniger die erste Forderung entscheidend als die Frage, welche Unternehmen generelle Erhöhungen akzeptieren und wo nur individuelle Anpassungen vereinbart werden. Der Lohnherbst wird damit zu einem Test, wie breit der jüngste Produktivitäts- und Reallohngewinn tatsächlich verteilt wird.
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ARTIKELANALYSE AUS DREI QUELLEN
Travail.Suisse fordert generelle Erhöhungen. Arbeitgeber halten deutlich weniger für realistisch – und der Streit dreht sich längst nicht nur um Inflation.
OPEN EVIDENCE ↗Travail.Suisse fordert generelle Erhöhungen. Arbeitgeber halten deutlich weniger für realistisch – und der Streit dreht sich längst nicht nur um Inflation.
OPEN EVIDENCE ↗Travail.Suisse fordert generelle Erhöhungen. Arbeitgeber halten deutlich weniger für realistisch – und der Streit dreht sich längst nicht nur um Inflation.
OPEN EVIDENCE ↗✓ QUELLEN UND DOKUMENTE
01 SRF · Lohnherbst 17.08.2026 ↗02 SRF Rendez-vous · Lohnverhandlungen 17.08.2026 ↗03 Travail.Suisse ↗Quellen zuletzt geprüft · 23.08.2026, 13:02Dieser Beitrag wurde von der ZEITUNG.IO Redaktion erstellt und geprüft. Bei neuen gesicherten Informationen wird er aktualisiert.