Eine von Forschern um Dileepa Ediriweera veröffentlichte Studie in PLOS Medicine schätzt die weltweite Belastung durch Schlangenbisse deutlich höher ein als bisherige Referenzwerte. Die Veröffentlichung, die am 25. August 2026 online erschien, kommt in ihrer konservativen (niedrigen) Schätzung auf rund 2,1 Millionen Schlangenvergiftungen (envenomings) und 274.000 Todesfälle jährlich. Die Obergrenze der Unsicherheitsskala liegt nach den Autoren bei etwa sieben Millionen Envenomierungen und bis zu 513.000 Todesfällen pro Jahr.
Damit liegen die neuen Zahlen um ein Vielfaches über den bislang häufig zitierten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in ihrer Fact‑Sheet‑Zusammenstellung Todesfälle durch Schlangenbisse derzeit mit rund 81.410 bis 137.880 pro Jahr angibt. Die Autorinnen und Autoren der PLOS‑Studie sehen in ihrer Analyse Hinweise darauf, dass frühere Schätzungen die wirkliche Zahl infolge systematischer Untererfassung und lückenhafter Datenquellen deutlich unterschätzt haben.
- Die PLOS Medicine‑Studie (Ediriweera et al.) veröffentlicht am 25. Aug. 2026 schätzt konservativ 2,1 Mio. Schlangenvergiftungen und 274.000 Todesfälle jährlich; obere Schätzung bis zu ~7 Mio. Envenomierungen und 513.000 Todesfälle.
- Die Analyse beruht auf einer Literaturrecherche (1.1.2007–31.3.2025) und 90 Datenquellen (84 peer‑reviewed + 6 Web/Agentur‑Quellen); Envenoming‑Daten aus 79 Ländern wurden verwendet.
- Die WHO‑bisherige Sterbefall‑Schätzung (≈81.410–137.880 Todesfälle/Jahr) liegt deutlich unter der konservativen PLOS‑Schätzung.
- Die Studie findet, dass Sub‑Sahara‑Afrika rund 45 Prozent der globalen Envenomierungen und Todesfälle trägt.
Wie die Forscher vorgegangen sind
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturrecherche und geostatistischen Modellen. Ausgewertet wurden Publikationen und graue Literatur mit Erscheinungsdatum zwischen dem 1. Januar 2007 und dem 31. März 2025. Insgesamt flossen 90 Datenquellen in die Analyse ein, davon 84 begutachtete Studien und sechs Web‑ oder Agenturquellen. Envenoming‑Daten stammten aus 79 Ländern und wurden in ein geostatistisches Poisson‑Modell überführt, um räumliche Muster und Unsicherheiten zu quantifizieren.
Die Studienautoren stellten ergänzende Datensätze und den Code auf der PLOS‑Seite zur Verfügung, wodurch die Arbeit transparent nachprüfbar ist. In der Methodik betonen sie, dass die Kombination aus community‑basierten Umfragen, Krankenhausdaten und Modellierung helfen soll, die lückenhafte Berichterstattung in vielen Regionen zu kompensieren. Dennoch bleiben zahlreiche Annahmen und Unsicherheitsquellen Teil der Analyse.
Ursachen der Diskrepanz zu WHO‑Zahlen
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren tragen mehrere Faktoren zur Diskrepanz gegenüber den WHO‑Angaben bei. Erstens sind viele Schlangenbisse in ländlichen und armutsbetroffenen Gebieten weder offiziell registriert noch erreichen Patienten formelle Gesundheitseinrichtungen, sodass Todesfälle oft nicht in offiziellen Statistiken erscheinen. Zweitens fehlen in vielen Ländern landesweite Surveillance‑Systeme und standardisierte Erfassungsmethoden.
Drittens haben neuere community‑basierte Studien, die in der PLOS‑Analyse berücksichtigt wurden, deutlich höhere Inzidenzraten berichtet als ältere, hospitalbasierte Untersuchungen. Die Kombination dieser neueren Daten mit geostatistischen Modellen führt somit zu höheren Gesamt‑Schätzungen. Die Studie selbst weist darauf hin, dass die lückenhafte Verfügbarkeit von Qualitätsdaten und potenzielle Verzerrungen in den zugrundeliegenden Quellen die Unsicherheitsintervalle ausweiten.
Regionale Verteilung und öffentliche Gesundheitsfolgen
Die Last ist nach den Ergebnissen nicht gleichmäßig verteilt: Niedrigeinkommensländer tragen den größten Anteil. Sub‑Sahara‑Afrika wird in der Analyse mit rund 45 Prozent der globalen Envenomierungen und Todesfälle als besonders betroffen genannt. Auch große Teile Süd‑ und Südostasien sowie einige Regionen Lateinamerikas weisen hohe Inzidenzen auf.
Für Gesundheitssysteme in Prekarität bedeutet das eine zusätzliche Belastung: Neben akuten Vergiftungsfällen entstehen chronische Folgen wie Amputationen, bleibende Behinderungen und psychische Traumata. Die Autoren heben die Bedeutung kurzfristiger Notfallversorgung ebenso hervor wie langfristiger Rehabilitations‑ und Präventionsstrategien. Fehlt adäquate Antivenin‑Versorgung, steigen Komplikationen und Todesfälle — ein Problem, das in vielen der betroffenen Länder bereits dokumentiert ist.
Methodische Stärken, aber auch Grenzen der Studie
Die Studie vereint viele Datenquellen und gibt ihre Methoden, Datensätze und Code offen preis — ein Plus für Nachvollziehbarkeit und Wissenschaftstransparenz. Der Einsatz geostatistischer Verfahren erlaubt es, räumliche Lücken zu schätzen und Unsicherheiten zu quantifizieren, anstatt punktuelle Schätzungen zu extrapolieren.
Gleichzeitig sind die Ergebnisse abhängig von der Qualität und Repräsentativität der eingespeisten Daten. Die Autoren selbst weisen auf mögliche Verzerrungen hin: Community‑Umfragen können Recall‑Bias aufweisen, Krankenhausdaten sind selektiv und graue Literatur oft uneinheitlich. Zudem bleiben einige Regionen datenarm, so dass Modellannahmen stärker ins Gewicht fallen. Diese Einschränkungen erklären auch die breiten Unsicherheitsintervalle bis hinauf zu einer Obergrenze von rund einer halben Million Todesfällen jährlich.
Folgerungen für Politik und Forschung
Wenn die höheren Schätzungen auch nur teilweise zutreffen, hat das unmittelbare Konsequenzen für die globale Gesundheitspolitik. Eine erheblich größere Krankheitslast würde stärkere Prioritäten für Surveillance, Aus‑und Fortbildung medizinischen Personals in betroffenen Gebieten und eine stabile Versorgung mit wirksamen Antiveninen rechtfertigen. Die Autoren fordern verbesserte Erhebungen, standardisierte Meldewege und zusätzliche Forschung zu Wirksamkeit und Versorgungsketten von Antiveninen.
Für Österreich und die EU betrifft das Thema vorrangig die Forschungspolitik und die Unterstützung internationaler Hilfsprogramme. Europa kann durch Förderung epidemiologischer Studien, Kapazitätsaufbau in betroffenen Ländern und Finanzierung von Produktionskapazitäten für Antivenine zur Verbesserung beitragen. Die Studie zeigt jedenfalls, dass Schlangenbisse in der globalen Gesundheitsagenda wahrscheinlich eine größere Rolle spielen müssen als bisher anerkannt.
IO SYNTHESE
ARTIKELANALYSE AUS DREI QUELLEN
Die PLOS Medicine‑Studie (Ediriweera et al.) veröffentlicht am 25. Aug. 2026 schätzt konservativ 2,1 Mio. Schlangenvergiftungen und 274.000 Todesfälle jährlich; obere Schätzung bis zu ~7 Mio. Envenomierungen und 513.000 Todesfälle.
OPEN EVIDENCE ↗Die Analyse beruht auf einer Literaturrecherche (1.1.2007–31.3.2025) und 90 Datenquellen (84 peer‑reviewed + 6 Web/Agentur‑Quellen); Envenoming‑Daten aus 79 Ländern wurden verwendet.
OPEN EVIDENCE ↗Die WHO‑bisherige Sterbefall‑Schätzung (≈81.410–137.880 Todesfälle/Jahr) liegt deutlich unter der konservativen PLOS‑Schätzung.
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01 derstandard.at ↗02 derstandard.de ↗03 nature.com ↗Quellen zuletzt geprüft · 26.08.2026, 18:50Dieser Beitrag wurde von der ZEITUNG.IO Redaktion erstellt und geprüft. Bei neuen gesicherten Informationen wird er aktualisiert.