In einem Interview auf der TU‑Wien‑Webseite erläutern Martin Berger und Jonathan Fetka aus der Forschungsgruppe Transport Systems Planning (MOVE), weshalb der sogenannte „Goldstandard“ der Evaluationsforschung nicht immer Voraussetzung für erfolgreiche Verkehrsräumeingriffe sein muss. Das Thema gewinnt an Bedeutung, weil Städte und Gemeinden unter Zeitdruck stehen, um Flächen für Fußgängerinnen, Radfahrende und Öffentlichen Verkehr umzugestalten. Berger und Fetka, die an mehreren Praxisprojekten beteiligt sind, betonen, dass strenge, langwierige Evaluationsdesigns nicht immer praktikabel seien – insbesondere dann nicht, wenn Planung und Umsetzung in kurzer Folge erfolgen müssen, um Akzeptanz‑ und Nutzungsdynamiken zu testen.
Die Debatte um Evaluationsstandards ist in der Mobilitätsforschung nicht neu: Wissenschaftliche Evidence‑Anforderungen reichen von detaillierten, randomisierten Studien bis hin zu einfacheren Beobachtungs‑ und Monitoringansätzen. Die TU‑Wien‑Forscher ordnen die Frage in diesen Diskurs ein und argumentieren dafür, Evaluationsmethoden am konkreten Ziel, am verfügbaren Budget und am Zeitrahmen auszurichten. Ihr Ansatz ist damit explizit praxisorientiert — nicht als Ersatz für robuste Forschung, sondern als Ergänzung, die schnelle Lerneffekte und Transfer erleichtern kann.
- Das Interview auf der TU‑Wien‑Webseite wurde mit Martin Berger und Jonathan Fetka von der Forschungsgruppe Transport Systems Planning (MOVE) veröffentlicht.
- Die Publikation COURAGE. Transformation von Mobilitätsräumen (Herausgeber u.a. Aglaée Degros und Martin Berger) erschien im Juli 2026 beim Jovis‑Verlag.
- Das Praxishandbuch Transformation öffentlicher Mobilitätsräume (Fetka & Berger et al.) ist als Open‑Access‑Handbuch bei Uni‑Press Graz veröffentlicht (Oktober 2025).
- Das FFG‑geförderte Projekt Trans|formator:in ist in der FFG‑Datenbank mit Laufzeit 01.09.2022–30.11.2026 verzeichnet.
- Als Beispiel für eine praktische Umgestaltung nennt die TU Wien die Argentinierstraße (Wien), deren Umgestaltung zu einer fahrradfreundlicheren und verkehrsberuhigten Straße 2024–2025 dokumentiert wurde.
Praxisbeispiele und Lernorte
Als konkretes Beispiel führt die TU Wien in dem Beitrag die Umgestaltung der Argentinierstraße in Wien an, eine Maßnahme, die bereits in Berichten des Sektors und der Stadtverwaltung 2024/2025 dokumentiert wurde. Die Umgestaltung, die auf mehr Radverkehr und verkehrsberuhigte Bedingungen zielt, dient in der Darstellung der Forschenden als Anschauungsprojekt dafür, wie lokale Interventionen auf Basis pragmatischer Evaluationsschritte getestet und angepasst werden können.
Berger und Fetka verweisen darüber hinaus auf das FFG‑geförderte Projekt Trans|formator:in, dessen Laufzeit von September 2022 bis November 2026 in der FFG‑Projektdatenbank eingetragen ist. Trans|formator:in zielt darauf, über Pilotmaßnahmen übertragbare Ansätze zur Transformation öffentlicher Mobilitätsräume zu erproben. Solche Projektstrukturen liefern nach Ansicht der Forschenden einen Rahmen, in dem methodische Kompromisse möglich sind, ohne die wissenschaftliche Gültigkeit komplett aufzugeben.
Publikationen als Brücke zwischen Forschung und Praxis
Die TU‑Wien‑Mitglieder sind Koautorinnen und Herausgeber mehrerer praxisrelevanter Publikationen: Das Buchprojekt COURAGE. Transformation von Mobilitätsräumen (Jovis) listet Martin Berger als einen der Herausgeber; Handelsregistereinträge und Buchvorstellungen verorten das Erscheinen im Sommer 2026. Zudem ist das „Praxishandbuch Transformation öffentlicher Mobilitätsräume“ (Fetka & Berger et al.), erschienen im Open‑Access‑Programm der Uni‑Press Graz im Oktober 2025, explizit als Arbeitshilfe für Planerinnen, Verwaltungen und lokale Initiativen konzipiert. Beide Veröffentlichungen verknüpfen wissenschaftliche Erkenntnisse mit umsetzbaren Werkzeugen und Checklisten.
Die Publikationen sind in der TU‑Wien‑Mitteilung zentrale Referenzpunkte: Sie dienen nicht nur der Dokumentation von Methoden, sondern auch der Verbreitung einfacher, skalierbarer Evaluationsansätze. Die Forschenden postulieren, dass solche Handreichungen helfen können, die Lücke zwischen akademischer Forschung und kommunaler Praxis zu schließen.
Wann Goldstandard nötig ist — und wann nicht
Die Kernaussage der TU‑Wien‑Vertreter lässt sich zusammenfassen: Hohe methodische Ansprüche sind wichtig, aber nicht universal anwendbar. In Kontexten, in denen Maßnahmen hohe Investitionen erfordern, rechtliche Folgen haben oder weitreichende Verhaltensänderungen intendieren, bleiben robuste Evaluationsdesigns essenziell. Umgekehrt können temporäre Maßnahmen, Low‑cost‑Interventionen und partizipative Versuchsinstallationen oft mit einfacheren Monitoring‑Methoden beurteilt werden, ohne dass die wissenschaftliche Erkenntnisleistung gänzlich verloren geht.
Diese Unterscheidung hat Folgen für die Ressourcenverteilung: Wenn Verwaltungen bei kleinen, reversiblen Interventionen auf aufwändige Studien verzichten können, lassen sich Pilotprojekte schneller starten und anpassen. Gleichzeitig warnen die Forschenden vor dem Risiko, methodische Schwächen zu verallgemeinern: Eine unkritische Abschaffung hoher Standards könnte dazu führen, dass politische Entscheidungen später auf unzuverlässigen Grundlagen stehen.
Folgen für Kommunen, Fördergeber und Forschung
Für Städte und Fördergeber bedeutet die Positionierung der TU Wien eine Aufforderung zur Differenzierung: Förderprogramme sollten methodische Flexibilität zulassen und sowohl Kurzzeit‑Monitoring als auch langfristige Evaluationskomponenten fördern. Trans|formator:in ist in diesem Sinne ein Modell: Durch eine Kombination aus Pilotierungen und begleitender Forschung lassen sich Erkenntnisse generieren, die für andere Kommunen adaptierbar sind.
Für die akademische Forschung wiederum stellt sich die Aufgabe, transparente Kriterien zu liefern, wann welche Evaluationsstufe angemessen ist. Berger und Fetka arbeiten laut TU‑Wien an Instrumenten und Checklisten, die genau diese Entscheidung unterstützen sollen — Informationen, die in den erwähnten Handbüchern und dem COURAGE‑Band gebündelt werden.
Offene Fragen und Grenzen des Ansatzes
Trotz der praktischen Orientierung bleiben zentrale Fragen offen: Welche Mindeststandards sind erforderlich, damit Ergebnisse politisch belastbar sind? Wie lässt sich Verzerrung bei nicht‑randomisierten Beobachtungen zuverlässig minimieren? Und wie werden lokale Besonderheiten so dokumentiert, dass Übertragbarkeit gewährleistet bleibt? Die TU‑Wien‑Veröffentlichung benennt diese Lücken, ohne vollständige Lösungen vorzulegen.
Zudem ist unklar, inwieweit kurzfristige, low‑cost‑Interventionen soziale Gerechtigkeitsfragen und Verdrängungseffekte ausreichend berücksichtigen können. Die Kombination aus wissenschaftlicher Begleitung und partizipativer Planung, wie sie in Trans|formator:in und dem Praxishandbuch empfohlen wird, soll diese Risiken mindern — die tatsächliche Wirksamkeit solcher Kombinationen wird jedoch erst durch weitere Fallstudien und systematische Vergleiche messbar.
IO SYNTHESE
ARTIKELANALYSE AUS DREI QUELLEN
Das Interview auf der TU‑Wien‑Webseite wurde mit Martin Berger und Jonathan Fetka von der Forschungsgruppe Transport Systems Planning (MOVE) veröffentlicht.
OPEN EVIDENCE ↗Die Publikation COURAGE. Transformation von Mobilitätsräumen (Herausgeber u.a. Aglaée Degros und Martin Berger) erschien im Juli 2026 beim Jovis‑Verlag.
OPEN EVIDENCE ↗Das Praxishandbuch Transformation öffentlicher Mobilitätsräume (Fetka & Berger et al.) ist als Open‑Access‑Handbuch bei Uni‑Press Graz veröffentlicht (Oktober 2025).
OPEN EVIDENCE ↗✓ QUELLEN UND DOKUMENTE
01 tuwien.at ↗02 publikationen.ehl.at ↗03 fliphtml5.com ↗Quellen zuletzt geprüft · 26.08.2026, 20:58Dieser Beitrag wurde von der ZEITUNG.IO Redaktion erstellt und geprüft. Bei neuen gesicherten Informationen wird er aktualisiert.